Aus Elternsicht: Autofahrer ohne Rücksicht

Sonntagabend – wir kamen vom Schwimmen – sind meine achtjährige Tochter und ich beinahe von einem Auto überfahren worden, als wir – völlig legal – die Straße überquerten, in die der Fahrer nach links einbog.


An der Ecke Kornstraße/Kirchweg

Das passiert uns ziemlich oft, denn die Verkehrskontrollen in Bremen sind eher lasch, und AutofahrerInnen lassen ihre Frustrationen leider oft an den „Schwächeren“ aus.Diesmal passierte es an der Ecke Kirchweg/Kornstraße in der Bremer Neustadt nur wenige Meter von unserer Haustür entfernt.

Neu und ziemlich erschreckend war jedoch diesmal, dass der Fahrer uns deutlich sah, er blickte mir direkt in die Augen, er sah mein Kind, das vor seinem Kühler die Straße überquerte – und gab Gas.

Schockierend war zudem, dass es sich um einen Wagen des ADAC handelte, dem größten, einflussreichsten und weithin respektierten Autoclub in Deutschland, und der Fahrer dieser Organisation zielte mit seinem Auto direkt auf mein Kind zu!

Ich schrie auf, meine Tochte nahm einen Satz nach vorne, und das Auto raste davon, einen Meter von meiner Tochter entfernt.

Polizei überlastet und unterausgestattet

Die Polizei in Bremen leidet an chronischem Personalmangel, und so kam bei meinem Besuch auf der Polizeistation (3 Km mit dem Fahrrad von mir zu Hause) nicht viel heraus. Es war eben Sonntag, und so bat mich die freundliche Diensthabende darum, an einem normalen zu normalen Bürozeiten wiederzukommen.

Und obwohl ich eine berufstätige Mutter mit wenig Zeitsouveränität bin, kümmerte ich mich um einen Babysitter für meine Kinder (acht und vier Jahre alt), um nach der Arbeit am nächsten Tag, einem Montag, noch einmal zur Polizei zu gehen und eine Anzeige zu erstatten. Wenn das Erfolg hat, wird der Fahrer vielleicht 120€ für seine gefährliche Fahrweise zahlen müssen.

ADAC: Bitte keine Anzeige

Und dann rief ich den Bremer ADAC an und schrieb auch eine Email, um mich über das Verhalten des Beschäftigten zu beschweren. Ich musste drei verschiedene Nummern wählen, bis ich endlich an der richtigen Stelle war. Der Angestellte dort war sehr verständnisvoll – bis ich ihm ankündigte, dass ich den Vorfalll bei der Polizei anzeigen wolle. Seine Reaktion: „Wie können wir Sie davon abhalten, eine Anzeige zu erstatten?“ Meine Antwort: „Keine Chance, ich habe die Nase voll von diesem Verhalten der Autofahrer.“

 Mir gehen bestimmte Leute auf die Nerven

Ja, ich will an diesem ADAC-Fahrer, der mein Kind vorsätzlich nahezu überfahren hat, ein Exempel statuieren. Warum? Weil mir bestimmte Leute mittlerweile auf die Nerven gehen – in der Überzahl Männer – Leute, die ihr Auto für ihr Ego brauchen, die auf ihre scheinbaren Rechte pochen, mich fast überfahren, mich von der Fahrbahn scheuchen, mich aus dem Auto heraus anbrüllen. Und, was noch schlimmer ist, sie machen unseren Alltag, unsere Wege zur Schule, zum Kindergarten und zur Arbeit, zu einer nervenaufreibenden, stressigen und gefährlichen Übung.

Und der nächste Stress

Gestern – drei Tage nach dem unerfreulichen „ADAC-Erlebnis“ – radelte ich wieder einmal über „unsere“ Kreuzung an der Ecke Kirchweg/Kornstraße, um meinen Sohn vom Kindergarten abzuholen. Um links abzubiegen, muss ich erst einmal die Kornstraße überqueren und dann auf der anderen Seite wieder an der Ampel warten.

 


Annes Weg über die Kreuzung mit Rad und Kind

Die AutofahrerInnen neben mir drängeln sich regelmäßig nach vorne,um rechts abzubiegen, selbst wenn FußgängerInnnen, FahrradfahrerInnen, sogar Eltern mit Kinderwagen und Senioren mit Rollatoren noch über die Straße gehen.


Nicht ungefährlich für Kinder

Das macht das Klima an unserer Ecke höchst aggressiv, und ich vermute, so manche NachbarInnen nehmen das einfach hin als Preis für das Wohnen an einer verkehrsreichen Straße.


Viel zu runde Ecke, lädt zum schnellen Abbiegen geradezu ein

„Blöde Pussi“

Nach langjährigem Fahrradfahren in Städten wie Seattle und New York, habe ich mir zur Gewohnheit gemacht, AutofahrerInnen mit Handzeichen anzuzeigen, wo ich hin will. Ich hebe meine Hand, um sie zum Halten zu bringen, stelle Augenkontakt her und ich bedanke mich mit einem Lächeln oder einem Winken, wenn sie auf mich Rücksicht nehmen.

Wie immer hob ich die Hand vor dem Fahrer eines älteren Mercedes, der so tat, als habe er nicht gesehen, dass ich die Kreuzung überqueren wollte. Als ich mich seinem Wagen näherte, machte er sein Fenster auf, und ich sagte lächelnd zu ihm, ich wolle hier links abbiegen und das sei auch ganz legal. Da brüllte er „Du blöde Pussi“ und gab Gas. Ich war einfach zu schockiert über seine sexistische Sprache, um reagieren zu können. Natürlich hätte ich ihn fragen sollen, ob er so auch mit seiner Mutter redet. Andererseits war er so aggressiv, dass es vielleicht für mich besser war, ihm das letzte Wort zu lassen.

Hinterher habe ich überlegt, ob ich mal wieder zur Polizei gehen sollte, doch ich hatte meinen 4-jährigen Sohn dabei und entschied mich dagegen. Aber als ich später ins deutsche Strafrecht guckte, wurde mir klar, dass diese Beleidigung eine Straftat ist und ich das Recht hätte, eine Anzeige zu erstatten. Wieder einmal nahm ich davon Abstand, nahm mir vor, es nicht so ernst zu nehmen und besser tief einzuatmen (nicht zu tief wegen der ganzen ungesunden Autoabgase, mein Sohn und ich haben Asthma, wohl wegen der Dieselabgase), es zu vergessen und mich zu freuen, dass mir nichts passiert war.

Wann wird der Autoverkehr endlich zur Räson gebracht?

Aber ich frage mich, wann die „EntscheiderInnen“ (und wer das genau ist, muss ich herausfinden) endlich zur Tat schreiten, die bestehenden Gesetze auch anwenden, den Autoverkehr zur Räson bringen und die Menschen schützen.

Bremen muss Priotitäten setzen: Soll die Verkehrsplanung weiterhin das Auto privilegieren? Oder sollte sich Bremen ein Beispiel an Städten wie Amsterdam, Kopenhagen und Oslo nehmen und die schützen, die diesen Schutz am meisten brauchen? Sollten nicht Eltern mit Babies und Kleinkindern, Blinde, ältere MitbürgerInnen und andere langsame und schwache Menschen im Zentrum der Verkehrsplanung stehen? Und sollte sich Bremen nicht an der Vision Null orientieren, sollten Straßen und Verkehrsmittel nicht so sicher gestaltet werden, dass keine Verkehrstoten und Schwerverletzten mehr auftreten?

Ich meine, Bremen muss seine Verkehrsplanung, seine Verkehrspolitik radikal ändern. Die Zeit des Redens ist vorüber, jetzt muss gehandelt werden!

7 Gedanken zu „Aus Elternsicht: Autofahrer ohne Rücksicht

  1. http://www.bremenize.com/aus-elternsicht-autofahrer-ohne-rucksicht/

    Selber Handeln, jeden Tag!

    a) Polizeikontrollen können die vielen kleinen und großen Rücksichtslosigkeiten nicht verhindern.
    Verkehrssicherheit entsteht durch Kommunikation.
    Jede/r von uns kann und muss durch sein Verhalten das Verhalten der anderen beeinflussen.

    b) Der ADAC-Autofahrer wollte euch wahrscheinlich nicht überfahren, aber einschüchtern.
    Da muss man das Auto genau beobachten und nur im äußersten Fall weglaufen, „Halt!“ schreien, bevor der Autofahrer Gas gibt, stehen bleiben und ihm mit einer Geste (waagerechte flache Hand nach unten bewegen) klar machen, dass er anhalten oder mindenstens langsam fahren soll.
    Ich weiß, das ist leichter empfohlen als getan. Die Tochter kann’s noch nicht.

    c) An der Kreuzung gibt es zwar keine markierte Fahrradaufstellfläche, aber da die Radwege nicht benutzungspflichtig sind, kann man sich bei Rot (in der alten Fahrtrichtung) mitten auf dem Fahrstreifen vor die Haltelinie stellen und beim nächsten Grün dann direkt links abbiegen.

    d) Es gibt Kreuzungen mit übermäßig großen Kurvenradien für abbiegende Fahrzeuge (KFZ wie Fahrräder), aber Kornstraße X Kirchweg zählt nicht dazu. Das Foto mit dem Bus zeigt, dass Busse und LKW die Radien hier brauchen. Würde man die Bordsteine weiter in die Kreuzung ziehen, dann würde öfters ein Bus oder ein Lastzug mit der letzten Achse über den Bordstein fahren, für ein LKW-Rad ist ein Bordstein kein Hindernis. Wenn dann ein Fußgänger zu nahe an der Ecke wartet und ein Busfahrer mehr damit beschäftigt ist, mit dem Vorderende um die Kurve zu kommen, und seine letzte Achse vielleicht nicht einmal im Rückspiegel sieht, kommt es zur Katastrophe.

    Gruß
    Ulrich

  2. Danke Ulrich für die Kommentare.
    Wie ich schon hier geschrieben habe, halte ich immer meine Hand hoch in der „Stopp“ position, nehme Augenkontakt auf mit den Fahrern, und generall versuche aufzuklären auf eine respektvolle Art. Wie ich das – als tägliche Radfahrerin – seit über 20 Jahren mache – in den USA, wo ich herkomme, waren solche „Anweisungen“ ja leider öfters nötig.
    Die meisten Fahrer verhalten sich schon „defensiv“ (also „normal“ und rucksichtsvoll), leider ist drängeln, über Rot fahren, zu schnell fahren, auch beleidigen, hüpen, frustrierte Geste machen (z.B wenn mein Kleiner, der etwas wackeliger ist, runterfällt in der Kreuzung) und generell uns mit den grossen schweren Fahrzeuge bedrohen, auch Alltag hier.
    Ich bin gezwungen über diese Kreuzung, mehrmals täglich, zu fahren.
    Und ich bin keine Polizistin. Das ist nicht mein Job. Ja, ich kann es, und ich kann es sehr gut. Aber meine Kinder, genauso wie die Senioren hier vom Altersheim, können es nicht. Und ehrlich gesagt, das machen zu MÜSSEN, weil unsere Bundesland versagt, stresst mich und schlägt auf die Gesundheit.
    Verkehrsplanung – Ampelschaltung, Markierungen, aber auch das Ernstnehmen von einer menschengerechte Planung UND von gefährliche Farhverhalten – soll als absolute Leitprinzip die schwächste Verkehrsteilnehmer im Mittelpunkt stehen. Vision Zero (keine Verkehrstote) wäre ein Anfang.
    Leider kommen die viele „Fast-Unfälle“ nicht in die Statistik, obwohl die Polizei es schon ernst nimmt wenn man eine Anzeige erstattet, und meine Erfahrung nach, auch unsere Meinung sind. Die Busgelder sind leider zu gering, die Konsequenzen zu klein.

  3. Also zum ADAC-Vorfall:

    erstens
    das Thema „Anzeige“ ist sehr spannend. Nach meinem Wissen werden in Bremen Anzeigen von Privatpersonen wegen Ordnungswidrigkeiten im Fließverkehr pauschal und ohne Einzelfallprüfung eingestellt. Ich halte diese Praxis für rechtswidrig, aber sie wird vom Innensenator gebilligt. Ich drücke die Daumen, dass es hier nicht so läuft.

    zweitens
    Ich halte die beschriebene Verkehrssituation ehrlich gesagt für sehr knifflig, weil sie meiner Ansicht nach nicht 100 % ig klar in der StVO geregelt ist.

    Da steht erst einmal, „Wer abbiegen will, muss entgegenkommende Fahrzeuge durchfahren lassen“ (§ 9 Abs. 3 StVO) das gilt aber für Fahrzeuge und nicht für Fußgänger.

    Im Satz 3 heißt es dann „auf zu Fuß Gehende ist besondere Rücksicht zu nehmen“. Ich finde, dass dies schwächer formuliert ist als wenn dort stehen würde „wer abbiegen will, muss entgegenkommende Fußgänger die Straße überqueren lassen“.

    Und für die Fußgänger heisst es dann in § 25 Absatz 3: „Wer zu Fuß geht, hat Fahrbahnen unter Beachtung des Fahrzeugverkehrs […] zu überschreiten“.

    Versteh mich bitte nicht falsch: ich gehe genauso zu Fuß wie Du und gehe davon aus, dass ich zu Fuß auf einer Vorfahrstraße von Autos aus untergeordneten Straßendurchgelassen werde und dass bei Kreuzungen, wo ich geradeaus gehe, mich abbiegende Autofahrer durchlassen. Aber bei wortwörtlicher Auslegung der StVO ist das leider nicht so eindeutig!

  4. Ja, auch ich habe da schon meine Erfahrungen machen müssen und kann den Unmut bestätigen. Sei es beim Überqueren der Kornstr. oder beim links abbiegen auf dem (auf der Ecke) sehr schmalen Radweg. Da wurde ich schon mehrmals von Autos, LKW oder auch der BSAG (Linie 26/27) bedrängt. Einmal wurde ich da regelrecht weggehupt frei nach dem Motto. Hier bin ich und sonst keiner… Es ist zu kotzen wie degeneriert sich so mancher Kraftfahrer benimmt.

    1. Hallo Bernd, genau, das ist das. Es geht um ein nachbarschaftliches Miteinander und vielleicht 10 Sekunden warten, damit Menschen unverletzt und unerschrocken über die Kreuzung kommen können.
      Ich war auch bedroht von einem Fernbus-Fahrer (wann kommen diese Büsse endlich raus aus der Neustadt?), der in der Kreuzung (wie in dem Bild oben ) aus seinem Sitz gestiegen ist und aggressiv auf mich zulief…leider habe ich nichts unternommen, was heute nicht der Fall wäre, nur ich war wieder erschüttet und erschrocken von der Agression, die manche Menschen mitnehmen hinter dem Steuer.

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